Wappen der Baronie Dohlenfelde und der Herzogenstadt Twergenhausen

Vom Stadtbürgertum
»… die Stadtbürger sollen den Wohlstand ihrer Zünfte und Gilden mehren …«

Rein zahlenmäßig leben in der Herzogenstadt Twergenhausen fast genauso viele Freie wie in der ganzen Baronie Dohlenfelde. Während die Patrizier eine recht homogene Gruppe bilden, finden sich zwischen den Stadtbewohnern, die alle die persönliche Freiheit genießen und als Reichsbürger gelten, erhebliche Unterschiede in Vermögen, Ansehen und politischem Einfluss. Nur etwa ein Viertel der Stadtbewohner sind »Bürger«, die meisten Twergenhäuser sind »Einwohner«. Das Bürgerrecht muss beim Magistrat beantragt werden. Um es zu erlangen, muss eine Familie zu den steuerzahlenden Städtern gehören, den Besitz von Waffen für jedes erwachsene Familienmitglied nachweisen können und darf keinen unehrlichen, also keine Ehre einbringenden, Beruf ausüben – muss also zu einer Gilde oder Zunft gehören. Die Städter mit dem größten Steueraufkommen sind die »Großbürger« (knapp ein Zehntel der Bevölkerung), die Masse der Steuerzahler sind »Kleinbürger« (etwa ein Drittel der Bevölkerung). Weiterhin muss die das Bürgerrecht beantragende Familie über ein Grundstück einer gewissen Größe innerhalb der Mauern der Stadt verfügen. Die Ratsdamen und -herren geben dem Antrag üblicherweise statt, wenn die Familie einen vom Magistrat festgelegten Betrag in Gold an die Stadt zahlt. Familien, die in den letzten zwölf Jahren zu den »Habenichtsen« gehörten, dürfen kein Bürgerrecht beantragen. Vom Bürgerrecht ausgeschlossen sind alle Bewohner Twergenhausens, die nicht uneingeschränkt der städtischen Jurisdiktion unterliegen, was vor allem Geweihte und Magier mit ihren Sondergerichtsbarkeiten, aber auch herzogliche und gräfliche Soldaten und Angroschim betrifft. Vom »Ehrenbürgerrecht« sind diese Bevölkerungsgruppen aber explizit nicht ausgeschlossen.

Die »Habenichtse« umfassen mehr als die Hälfte der Städter, die keine oder nur sehr wenig Steuern zahlen. Weiterhin wird durch diese Regel sichergestellt, dass keiner das Bürgerrecht beantragt, der nicht mindestens zwölf Jahre ununterbrochen in Twergenhausen gelebt und gearbeitet hat. Neben diesen »Bürgern« gibt es aber auch noch »Ehrenbürger« in Twergenhausen, die vom Magistrat auf Zeit oder auch Lebenszeit ernannt werden. Mit der Ehrenbürgerwürde sind keinerlei Verpflichtungen verbunden, wohl aber Rechte und auch »Ehrenpflichten« verknüpft.

An Würde nur von den Patriziern überflügelt werden die acht Zunftmeister Twergenhausens. Diese acht Handwerker haben seit der Stadtverfassung von 906 BF beziehungsweise deren Revision von 955 BF als einzige Nicht-Patrizier Sitz und Stimme in der Stadtregierung, dem »Kleinen Rat«, in Twergenhausen Magistrat genannt, und sind mit »Verehrte Ratsdame« beziehungsweise »Geehrter Ratsherr« anzureden. Die Zunftmeister, die unbedingte Untertanen des Herzogs der Nordmarken sein müssen, werden von den Handwerksmeistern ihrer jeweiligen Zunft auf Lebenszeit gewählt. Auch alle diese Handwerksmeister Twergenhausens genießen das Bürgerrecht.

Der »Große Rat« Twergenhausens setzt sich aus insgesamt 144 »Bürgern« und »Ehrenbürgern« zusammen. Zum »Großen Rat« gehören alle über 21jährigen Patrizier, die acht Zunftmeister und ihre Ehepartner, die sechs Zunftmeister und ihre Ehepartner (manchmal nur »Ehrenbürger«) sowie alle zünftigen Handwerksmeister der Stadt (ohne Ehepartner). Um die heilige Zahl von 144 Ratsmitgliedern zu erreichen, werden entsprechend viele »Ehrenbürger« geladen. Immer geladen werden die Vorsteher der städtischen Tempel sowie die sechs Gildenmeister und deren Ehepartner. Häufige, vom Bürgermeister ernannte »Ehrenbürger auf Zeit« sind herzogliche Offiziere. Der »Große Rat« hat keinerlei politische Macht, sondern einzig zeremonielle Zuständigkeiten. Er tritt nur dreimal im Jahr zusammen und ist vor allem für seine prunkvollen Tanzveranstaltungen im Kaiser-Sighelm-Saal berühmt. Da jedoch alle Mitglieder des Großen Rates das Recht haben, vor dem Magistrat zu sprechen, ist die Mitgliedschaft nicht ganz ohne politische Bedeutung. Insbesondere die sechs Gildenmeister machen nicht selten von diesem Privileg Gebrauch.

Diejenigen Stadtbewohner, die zu einer der acht Zünfte – der Königsbarsch-Zunft der Bootsbauer, der Gänse-Zunft der Brotmacher, der Amboss-Zunft der Eisenwerker, der Raben-Zunft der Feinwerker, der Spindel-Zunft der Gewandmacher, der Güldenen Zunft der Goldwerker, der Eichenen Zunft der Hausbauer und der Widder-Zunft der Viehleute –, der Ochsen-Gilde der Fahrleute, der Starkleut’-Gilde der Schauerleute oder der Flussvater-Gilde der Stromleute gehören, müssen der Stadt zudem als Stadtwehrkämpfer dienen (was ein Privileg ist und auch als solches betrachtet wird): Die »Großbürger« dienen als »Rossbürger«, also als Reiter in der Stadtwehr. Die »Kleinbürger« dienen in der Stadtwehr als »Schießbürger«, also Armbrustschützen. Die »Habenichtse« schließlich werden, da sie als zu arm gelten, um sich eine Armbrust oder gar ein Ross und eine angemessene Rüstung leisten zu können, aus den Magazinen der Zünfte oder Gilden oder gar dem Zeughaus der Stadt ausgestattet. Sie stellen die »Spießbürger« der Stadtwehr. Diejenigen Bürger, die unehrliche Berufe ausüben, sind vom Wehrdienst befreit und müssen stattdessen eine Wehrsteuer zahlen. Dies gilt auch für die Mitglieder der Hesindigo-Gilde der Kaufleute, der Katzen-Gilde der Reinleute und der Eulen-Gilde der Wissleute.

Die Zünfte und Gilden sorgen für ihre Mitglieder und deren Angehörigen, so dass kein Mitglied dieser Körperschaften zu den Ärmsten der »Habenichtse« Twergenhausens zählt: Ein Zehntel der Stadtbewohner ist auf die Fürsorge und Mildtätigkeit der Reichen angewiesen, und bekommt seine Mahlzeit nicht selten in einer Suppenküche der Badilakanern serviert. Diese erbärmlichen Gestalten gehören oft zu den Außenseitern Twergenhausens – also zu den Kranken, Verstümmelten, Waisen aber auch arbeitslosen Flüchtlingen. Hilberian forderte dereinst in Elenvina die wohlsituierten Bürger in einer öffentlichen Predigt auf, sich mehr und mit größerem Einsatz um die Notleidenden der Herzogenmetropole zu kümmern, und sprach die mahnenden Worte: »Der Arme nämlich kehrt sich zum Bösen!« Viele Nordmärker, darunter nicht wenige Geweihte, zitieren nun gerne die Mahnung des Lichtboten, und betrachten den Bedürftigen so, als befinde er sich bereits auf halbem Wege zum Dämonenpakt – vergessen dabei jedoch ganz die karitativen Forderungen Hilberians. Jedenfalls ist der Umgang mit den Armen barscher geworden, auch von Seiten der nordmärkischen Traviageweihtenschaft: Wer von den Badilakanern Speis’ und Trank möchte, muss sich seit einigen Jahren in Twergenhausen einmal pro Woche an einem festgelegten Termin in »Bedürftigenlisten« eintragen lassen. Wer nicht auf den Listen steht, bekommt nichts. Damit soll aus Sicht der Badilakaner »verschwenderisches« Kochen vermieden werden: Die Zahl der Bedürftigen ist in den letzen Jahren deutlich gewachsen, das Spendaufkommen der Vermögenden jedoch nicht. Weiterhin wurde in den letzten Jahren aus dem Armen- und Waisenhaus des Klosters, das eigentlich ein Asyl für die Bedürftigsten der Bedürftigen sein sollte, zusehends ein Gewinn erwirtschaftendes Arbeitshaus, wo gilt, dass nur der, der sich wenigstens bemüht, zu arbeiten, auch essen soll. So werden die Kinder und Alten zum Spinnen und Filzwalken eingesetzt, und wer sein Tagessoll nicht erfüllt, wird mit Essensentzug und Schlägen auf den traviagefälligen Weg zurückgebracht, wobei es sogar schon zu Todesfällen kam. Besonders renitente oder faule Kinder, bei denen selbst tägliche Prügel nichts fruchtet, werden seit einigen Jahren an die Bergköniglich Eisenwalder und Freiherrlich Dohlenfeldsche Minencompagnie »verdingt«. Die »Verdingung« wird allgemein als effektiver Weg gesehen, unnütze Bedürftige auf göttergefällige Art und Weise loszuwerden: Die Badilakaner bitten den Magistrat, sich der arbeitsunwilligen Kinder anzunehmen. Diese werden daraufhin einem Agenten der Minencompagnie übergeben, der sich für zwei Dutzend Dukaten pro Kind und Götterlauf verpflichtet, die Kinder zu Bergleuten auszubilden, auf dass sie »im Schweiße ihres Angesichts von ihrer Hände Arbeit« leben können. Damit beginnt für die Kinder ein oft jahrelanges, sklavenähnliches Dasein in den Minen der Compagnie, aus dem sie erst an ihrem 21. Tsatag mit dem Bergarbeiter-Gesellenbrief entlassen werden.

Das Ausüben eines unehrlichen Berufs verhindert zwar die Verleihung des Bürgerrechts, bedeutet jedoch nicht unbedingt die persönliche Armut: Die Buchdrucker der Stadt, die zu keiner ordentlichen Zunft oder Gilde gehören, sind zum Beispiel vermögender als viele Handwerksmeister. Als ehrlos gelten in Twergenhausen die Berufe des Abdeckers, Bauern, Bettlers, Brunnenreinigers, Buchbinders, Buchdruckers, Büttels, Gastwirtes, Geldwechslers, Henkers, Müllsammlers, Musikanten, Papiermüllers, Schauspielers, Schaustellers, Söldners, Totengräbers, Totenwäschers, Türmers, Zureiters sowie Zöllners.

Das Leben der meisten Bürger wird durch die acht Zünfte und sechs Gilden der Herzogenstadt bestimmt. Innerhalb der Gilden und vor allem der Zünfte gibt es strenge Hierarchien, die die Handlanger den Lehrlingen, die Lehrlinge den Gesellen und die Gesellen den Meistern unterordnen. Diese auf Lebenszeit gewählten Zunft- und Gildenmeister sind es, die im Endeffekt alle Macht in ihren Körperschaften in den Händen halten und eifersüchtig hüten.

Die seit Jahrhunderten einflussreichste Nicht-Patrizierfamilie Twergenhausen ist die Bootsbauer- und Werftbesitzerfamilie Klippstein, die von 1016 BF bis 1028 BF sogar die Bürgermeisterin Twergenhausens stellte. Auch die Weinhändlerfamilie Immergnad – die besten yaquirischen Wein in den ganzen Nordmarken verkauft, und billigen Elenviner gen Punin und Vinsalt verfrachtet – kann es an Wohlstand zumindest mit der ärmsten Patrizierfamilie, dem Hause Engstrand, aufnehmen.

Die größten Spannungen in Twergenhausen ergeben sich aus dem Zuzug von gut zweihundert albernischen Flüchtlingen, die vor dem Krieg in ihrer Heimat in den letzten Jahren in die Herzogenstadt flüchteten. Auf eine herzogliche Bitte hin nahm die Stadt die oft mittellosen Flüchtlinge auf. Es wurde den Alberniern erlaubt, vor dem Weidlether Tor Häuser zu errichten, mit der Vorstadt entstand in Kürze ein dichtbesiedeltes Stadtviertel. Vor allem die Ärmsten der alteingesessenen Twergenhäuser – traditionell in der Katzen- und Starkleut’-Gilde organisiert – sehen sich von den Alberniern, die nun auch schon viele Jahre in der Stadt und Vortadt leben, in ihrer Existenz bedroht, und fast wöchentlich kommt es zwischen Gildenmitgliedern und Flüchtlingen zu Handgreiflichkeiten. Die Zünfte wiederum achten strengstens darauf, dass in der Vorstadt keine illegalen Werkstätten entstehen. Die Stadtwache hebt alle Monate nach Hinweisen der ordentlichen Handwerker eine illegale Werkstatt im albernischen Viertel aus.

Die Gerichtsbarkeit über die Stadtbewohner übt Twergenhausen selbst aus, die Zünfte und Gilden verfügen zudem über ihre eigenen, internen Gerichtsbarkeiten. Das Stadt- und Marktgericht hat den Status eines herzoglichen Hochgerichts – und der Magistrat der Stadt ist stolz darauf, selbst bei schwierigen Fälle über genügend juristische Expertise zu verfügen, um nicht um Amtshilfe durch das herzogliche Hochgericht in Elenvina bitten zu müssen.